Schnur zum Leben: Schule für Kranke benötigt dringend neue Räume auf dem entstehenden KinderCampus.

17.06.2019 - Der Förderverein Bildung für kranke Kinder und Jugendliche München e. V. engagiert sich seit zehn Jahren unter anderem für die Münchner Schule für Kranke; seit fast zwei Jahren steht die Rechtsanwältin Andrea Mangold dem Verein vor. Aus eigener Erfahrung weiß die Mutter eines heute erwachsenen Sohns, wie wichtig Schulunterricht für schwer oder chronisch kranke Kinder und Jugendliche ist. Und wie dringend die Schule Räume auf dem KinderCampus benötigt.

Frau Mangold, wozu brauchen kranke Kinder eine eigene Schule?

Eine schwere akute oder chronische Krankheit - etwa eine Krebsdiagnose - verändert das Leben grundlegend. Die Erkrankung beeinflusst ja nicht nur den Alltag der jungen Patienten, ihrer Eltern und Geschwister erheblich, sondern wirkt sich auch auf das schulische Lernen aus. Die jungen Patienten werden oft schlagartig aus ihrem Freundeskreis, ihrem Heimatort und ihrer Bildungsentwicklung gerissen. Manchmal stecken sie in der Übertrittsphase, manchmal in der Abschlussvorbereitung.

Hier setzt die Schule für Kranke an, deren Ziel es zunächst ist, auf längere Zeit erkrankte Schülerinnen und Schüler aller Schularten weiter zu unterrichten, um die Schullaufbahn erfolgreich fortzusetzen. Und zwar in allen Münchner Krankenhäusern, nicht nur in der Kinderklinik. Wir als Förderverein unterstützen in dieser schwierigen Situation erkrankte Kinder und Jugendliche durch die verschiedensten Maßnahmen, beispielsweise finanzieren wir zusätzliche Unterrichtsstunden, wenn es erforderlich ist.

Wie funktioniert eine Schule für Kranke?

Die Lehrkräfte der Schule für Kranke unterrichten erkrankte Schülerinnen und Schüler während ihres Klinikaufenthalts in den vorrückungsrelevanten Fächern und bieten schulische Begleitung und Beratung an. Die Schule für Kranke ist organisatorisch dem Kultusministerium unterstellt. In am Krankenhaus gelegenen Räumlichkeiten bereiten sie den Unterricht vor, organisieren den Kontakt zur Heimatschule und halten Unterricht ab. Und dies für die unterschiedlichsten Jahrgangsstufen und Schularten. Der Unterricht selbst findet dann je nach Situation des erkrankten Kindes am Krankenbett oder gemeinsam mit anderen erkrankten Kindern in im Krankenhaus gelegenen Räumlichkeiten statt. Dieser Ortswechsel ist wichtig für den Perspektivenwechsel, um - soweit möglich - eine Art von Alltag und Normalität zu schaffen.

Welche Bedeutung hat der Kontakt zur jeweiligen Heimatschule des erkrankten Kindes?

Der Kontakt zur Heimatschule ist von herausragender Bedeutung. Eines der wesentlichen Projekte unseres Fördervereins ist deswegen, durch Besuche den Kontakt dorthin während der Erkrankung zu halten und die Lernbereitschaft und den Anschluss an die Klassenziele zu bewahren. Das bereitet die Integration nach dem Behandlungsende vor. Dies betrifft besonders an Krebs erkrankte Kinder und Jugendliche, die aufgrund der immunsuppressiven Behandlung auch während der Phasen, die sie zuhause verbringen dürfen, nicht die Schule besuchen können.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Bei meinem Sohn wurde im Alter von zehn ein Knochentumor festgestellt. Das hatte vierzehn Zyklen Chemotherapie und rund zwanzig Operationen, jeweils verbunden mit den entsprechenden Krankenhausaufenthalten zur Folge. Für ihn und für uns alle war es damals von großem Wert, dass der Kontakt zu seiner Schule und zu seinen Freunden gehalten hat. Man kann die Schule für Kranke als Schnur zum Leben bezeichnen. Sie ist ein wirklich therapeutischer Faktor für die Behandlung der jungen Patienten, und genau aus diesem Grund ist die Schule für Kranke auf dem Gelände der Kinderklinik Schwabing angesiedelt. Rund 1.500 Kinder werden über sie pro Jahr unterrichtet. Das Gelände des früheren Krankenhauses Schwabing wird sich in den nächsten Jahren stark verändern.

Wird die Schule bleiben können, wo sie ist?

Ehrlich gesagt: ich weiß es leider nicht, und das ist auch meine Sorge. Die Kostenzusagen der Sachaufwandsträger liegen zwar vor, aber im Neubau der Kinderklinik sind für die Schule nur wenige Quadratmeter vorgesehen. Der Altbau, in dem sich die Räumlichkeiten der Schule jetzt befinden, ist allenfalls als Übergangslösung geeignet, es fehlen ausreichend Räumlichkeiten für Unterricht, die Unterrichtsräume sind teilweise nicht barrierefrei erreichbar und sehr eng sowie verhältnismäßig weit weg von den Stationen gelegen. Wir brauchen adäquat für die Bedürfnisse kranker Kinder ausgestattete Räume in direkter Anbindung an die Stationen der Kinderklinik. Ich appelliere an alle Verantwortlichen, für die Schule auf dem Gelände Platz zu schaffen.

Interview:
Gerd Henghuber Kommunikation