Wenn Kinder einen Schlaganfall erleiden

31.08.2017 - Schlaganfälle bei Kindern sind selten, aber rund 20 Mal im Jahr läuft in der Kinderklinik Schwabing die Notfall-Kette an. Im Frühjahr ging der Fall des 15jährigen Jonathan durch die Presse. Er hatte Riesenglück, vor allem, weil seine Mutter die Symptome erkannte und beim Notruf angab. Diesen Zeitvorteil konnten die Ärzte der Schwabinger Kinderklinik nutzen und den Jungen retten. Die Klinik ist für solche Fälle hervorragend ausgerüstet mit einem ganzen Team von Spezialisten und 24-Stunden Bereitschaft. Ziel auf dem zukünftigen Kinder-Campus ist es, diese interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zu stärken.

Interview mit PD Dr. med. Hendrik Jünger, Kindernotarzt und Neurologe an der Schwabinger Kinderklinik, über Ursachen und Behandlungschancen

Wie häufig kommt es denn zu Schlaganfällen bei Kindern?

Experten schätzen die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf etwa 300 im Jahr, das sind nicht einmal 0,1 Prozent aller Schlaganfallfälle, wenn die Er-wachsenen dazu gerechnet werden. Ich schätze, dass die Dunkelziffer höher liegt, gerade bei Neugeborenen werden Schlaganfälle häufig nicht erkannt. In der Kinderklinik Schwabing haben wir immerhin 20 neue Fälle im Jahr, vom Säugling bis zum 18jährigen.

Wie sind Sie für diese Fälle gerüstet?

Wir haben ein großes Team von Experten aus unterschiedlichen Bereichen, die an der interdisziplinären Versorgung von pädiatrischen Schlaganfallpatienten beteiligt sind: Kinderneurologen, Neuroradiologen, Intensivmediziner, Gerinnungsspezialisten, Neurochirurgen. In unserer Neuroradiologie können, wie bei Jonathan erfolgreich gezeigt, schwierige Kathetereingriffe durchgeführt werden. Das ist bei Kindern noch nicht überall Standard, je kleiner und enger die Gefäße, desto schwieriger wird es ja. Ziel auf dem zukünftigen Kinder-Campus ist es, diese interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zu stärken. Außerdem sind wir über das nationale Netzwerk „Pediatric Stroke“ eng vernetzt mit der anderen Universitätskinderklinik in München.

Wie lief der Fall des 15jährigen Jonathan ab?

Aufgrund der Informationen, die die Mutter gegeben hatte, brachte ihn der Notarzt sofort zu uns. Dadurch konnten wir wichtige Zeit gewinnen und sofort die ganze Kette, die wir brauchten, alarmieren. Prof. Saleh, verantwortlicher Neuroradiologe, beseitigte dann die Verstopfung im Gehirn sehr schnell mit einem Stent-Retriever, bereits etwas mehr als zwei Stunden nach dem Schlaganfall war Jonathans mittlere Hirnarterie wieder frei. So konnten wir eine halbseitige Lähmung verhindern. Was ist das, ein Stent-Retriever? Dabei handelt es sich um einen dünnen Kunststoffschlauch, der in der Leiste eingeführt und bis in die verschlossene Hirnarterie vorgeschoben wird. In dessen Inneren befindet sich ein Draht mit einem Geflecht an der Spitze – vereinfacht ausgedrückt eine Art Mini-Transportkörbchen. Darin soll sich das Blutgerinnsel verfangen. Mit dem Draht wird das Körbchen dann vorsichtig zurückgezogen und der Blutpfropf damit aus dem Gehirn befördert. Dieses Verfahren ist noch relativ jung und hat klare Vorteile gegenüber der klassischen Lysetherapie, bei der das Blutgerinnsel medikamentös aufgelöst wird. Es kommt aber bei sehr jungen Patienten auch an seine Grenzen. Jonathan ist aber zum Glück schon 15.

Worauf kommt es bei der Schlaganfall-Therapie von Kindern an?

Auf die Schnelligkeit, genauso wie bei Erwachsenen. Je früher der Gefäßverschluss aufgelöst ist, bzw. je kürzer der Sauerstoffmangel andauert, desto besser sind die Heilungschancen des betroffenen Hirngewebes. Wir haben je nach Behandlungsart ein individuelles, aber stets enges Zeitfenster. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch Hirngewebe retten zu können, rapide. Wenn wir hingegen frühzeitig behandeln, kann ein junges Gehirn deutlich mehr reparieren bzw. kompensieren. Anders als bei Erwachsenen kann die nicht betroffene Gehirnhälfte bei sehr früh während der Gehirnentwicklung betroffenen Patienten manchmal Funktionen von der betroffenen Seite übernehmen. Das ist faszinierend!

Wie kann es bei so jungen Menschen überhaupt zum Schlaganfall kommen?

Bei Erwachsenen ist die Ursache meist eindeutig: eine Blutung oder ein Gefäßverschluss. Bei Kindern hingegen gibt es sehr unterschiedliche Gründe: Auch bei Kindern gibt es, wie z.B. in Jonathans Fall, thromboembolische Verschlüsse. Darüber hinaus können angeborene Herzfehler eine Ursache sein, manchmal gibt es Immunreaktionen nach einer Infektion, und die Gefäße entzünden sich. Oder die kleinen Patienten leiden an einer angeborenen Gerinnungsstörung bzw. einer Stoffwechselerkrankung. Auch bei manchen Krebs-Therapien sind Gefäßverstopfungen eine mögliche Komplikation während der Therapie. Was macht die Behandlung bei Kindern so herausfordernd? Zum einen schätzen zuweisende Ärzte oder Notärzte manchmal die Symptome falsch ein, weil Schlaganfälle bei Kindern vergleichsweise selten vorkommen. Dann verlieren wir wert-volle Zeit. Zum anderen haben wir bei Kindern weniger zugelassene Therapien. In der Erwachsenen-Medizin gibt es sehr viele Studien und fundierte Empfehlungen, etwa zur Lysetherapie und inzwischen auch zum Verfahren der Katheterintervention. Für Kinder gibt es bei dieser seltenen Erkrankung bislang keine studienbasierten Standards, wir müssen im Einzelfall selbst entscheiden, ob wir sie wie kleine Erwachsene therapieren, oder ganz anders ansetzen. Das ist eine große Herausforderung.

Ist das Ihr Traumberuf?

Ja. Die Arbeit im Team unserer großen Klinik macht sehr viel Freude. Dass ich inzwischen meine in Tübingen begonnenen Forschungsarbeiten zu frühen Gehirnschädigungen und deren Kompensation mit meiner klinischen Arbeit verbinden kann, ist für mich besonders attraktiv.

Wie geht es Jonathan heute?

Er ist vollkommen gesund. Wir haben bei Ihm als Ursache für den Schlaganfall einen angeborenen Herzfehler diagnostiziert, ein Loch in seiner Herzscheidewand. Das lässt sich heutzutage gut beherrschen. Und weil er so schnell zu uns kam, sind keine Schäden am Gehirn durch den Schlaganfall entstanden.

Interview: Gerd Henghuber

Lesen Sie die ganze Geschichte von Jonathan.
Hier finden Sie den Artikel, der in der tz über den Fall erschienen ist.


So erkennen Sie typische Symptome eines Schlaganfalls (bei Erwachsenen wie bei Kindern)

Mit dem sogenannten FAST-Test lässt sich schnell und einfach prüfen, ob ein Schlaganfall-Verdacht begründet ist. Die englische Abkürzung FAST steht dabei für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit)

  • Face: Bitten Sie die Person zu lächeln. Ist das Gesicht einseitig verzogen? Das deutet auf eine Halbseitenlähmung hin.

  • Arms: Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sinken oder drehen sich.

  • Speech: Lassen Sie die Person einen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.

  • Time: Wählen Sie unverzüglich die 112, schildern Sie die Symptome, und äußern Sie den Verdacht auf Schlaganfall.

  • Geben Sie dem Betroffenen nichts zu essen oder zu trinken. Der Schluckreflex kann gestört sein, es droht Erstickungsgefahr.

  • Entfernen oder öffnen Sie einengende Kleidungsstücke. Achten Sie auf freie Atemwege – gegebenenfalls sollten Sie Zahnprothesen entfernen.

  • Bewusstlose Patienten müssen in die stabile Seitenlage gebracht werden.

  • Überwachen Sie Atmung und Puls – setzen diese aus, muss sofort mit einer Herz-Druck-Massage begonnen werden.

  • Notieren Sie sich den Zeitpunkt, als die Symptome begannen und die Symptome selbst. Dies ist wichtig für den Notarzt.